Beschwiegene Polizeigewalt: Nach dieser Nacht

Eine russlanddeutsche Familie ist überzeugt: In den Neunzigern hat die Polizei einen von ihnen misshandelt. Warum hat sich niemand gewehrt?

Ein Polizist stoppt mit einer Kelle Autos

Halt! Polizeikontrolle auf einer deutschen Autobahn 1992 Foto: Heinz Hirndorf/dpa

Dieser Text ist Teil einer innerredaktionellen Debattenreihe der taz,ausgelöst durch die Kolumne „All cops are berufsunfähig“. Als pluralistisches Haus verschweigen wir diese Kontroverse um die Arbeit der Polizei und unsere unterschiedlichen Blickwinkel auf diese nicht. Es werden weitere, konträre Texte folgen. Die Beiträge lesen Sie auf unserer Webseite: balabanova.net/kolumnendebatte

Vor ein paar Tagen habe ich versucht, meiner Mutter zu erklären, was in der taz gerade los ist. Polizei, Müll, Seehofer, Stress. Sie hörte, wie immer, gut zu. Und erzählte mir eine Geschichte, die ich noch nie gehört hatte.

Anfang der Neunziger, kurz nachdem wir nach Deutschland gekommen waren, fuhr ihr Cousin, nennen wir in Witali, auf der bayerischen Autobahn. Die Polizei hinter ihm. Er hielt nicht gleich an. Ob er etwas getrunken hatte oder nicht, weiß meine Mutter nicht. Jedenfalls verbrachte Witali die Nacht auf der Wache, wo er schlimm verprügelt worden sein soll. Die Polizisten sollen auf seinen Kopf eingeschlagen haben. Witalis Mutter hat später gesagt, dass er nach dieser Nacht nie mehr derselbe war. Und dass er erzählt habe, das Verhalten der Polizisten habe sich verändert, als sie merkten, dass er kaum Deutsch spricht.

Was damals geschah, wird sich heute nicht mehr herausfinden lassen. Witalis Mutter ist gestorben, er wurde psychisch sehr krank. Was auch immer geschah, meine Familie glaubt, es sei so passiert wie hier beschrieben. Und das ist das Interessante. Warum haben sie nichts unternommen? Warum höre ich die Geschichte erst jetzt? Ein Onkel habe damals gesagt, so erzählt es meine Mutter: „Was für ein Idiot! Warum hält er nicht an? Er weiß doch, wie die Polizei ihn, den Russen, behandeln wird.“

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

In den Neunzigern kamen Hunderttausende aus der Sowjetunion nach Deutschland, grob zusammengefasst unter dem Begriff „Russen“. Die Stimmung war angespannt, der Focus titelte „die Brutalowelle rollt“, Nazis griffen Aussiedlerheime an, diverse Politiker hetzten (keine Grüße gehen raus an Sie, Herr Lafontaine). Es kam einfach niemandem in den Sinn, sich zu wehren. Meine Mutter sagt: „Wir waren froh, dass er nach Hause kam, und das war’s“. Sie haben es hingenommen. Vielleicht auch, weil sie solches Verhalten von sowjetischen Polizisten kannten. Oder weil sie dachten: Wir haben ohnehin keine Chance. Wäre es heute anders?

Einmal zahlen
.

Sie suchen die großen Recherchen der taz zu Polizeigewalt und rechtsextremen Strukturen in der Polizei und Bundeswehr?

Lesen Sie:

■ Die Recherche von Christina Schmidt und Sebastian Erb über einen früheren SEK-Polizisten, der zehntausende Schuss Munition aus Bundesbehörden klaute

■ Die Recherche von Sarah Ulrich über übergriffige Beamte bei der Polizei Weimar, inklusive eines Schwanzfoto-verschickenden rechten Polizisten

■ Die Recherche von Erik Peter über gewaltsame Festnahmen bei antirassistischen Protesten in Berlin

■ Alle Recherchen zu rechten Preppern in Sicherheitskreisen und zu Hannibals Schattennetzwerk finden Sie unter balabanova.net/hannibal

■ Weitere Texte finden Sie in unserem Schwerpunkt zu Polizeigewalt und Rassismus

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@balabanova.net