eine Frau bläßt einen lila Luftballon auf, darauf steht durchgestrichen "§218"

25. September 1991: Protest gegen den §218 Foto: Peer Grimm/dpa

Recht auf Abtreibung in Deutschland:Der Schweige-Paragraf

25 Jahre nach der Reform des umstrittenen §218 bleiben Schwangerschaftsabbrüche vielerorts ein Tabu. Drei Frauen berichten von Abtreibung.

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28.6.2020, 18:35 UHR

Ein ganz großes Problem ist das Schweigen. Während so einer Abtreibung wirst du irgendwie zum Gegenstand, die Ärzte sprechen nicht mit dir. Zumindest war es bei denen so, bei denen ich war. Aber auch gesellschaftlich sprechen wir kaum darüber, nicht mal im Freundeskreis. Und dabei bewege ich mich in linken, feministischen Kreisen.

Ich hatte drei Abtreibungen. Die erste war in den 80er Jahren, da war ich 15 Jahre alt. Weil ich minderjährig war, brauchte ich die Zustimmung meiner Mutter sowie von zwei Ärzten und zwei Beratungsstellen.

Ich wusste damals, dass es die richtige Entscheidung war. Trotzdem hätte ich mir im Nachhinein eine emotionale Begleitung gewünscht. Aber ich konnte den Gedanken gar nicht zulassen, aus Angst, dass mir das als Zweifel ausgelegt werde und ich dann den Beratungsschein nicht bekomme – obwohl die Beratungsstelle wirklich super war und mir zugesagt hatte, dass genau das nicht passiert.

Der Arzt hat meine Mutter gefragt, ob ich Deutsch spreche – und als sie Ja gesagt hat, hat er trotzdem nicht mit mir gesprochen. Aber er war unsere einzige Adresse, ich hatte keine andere Wahl. Ich wollte eine örtliche Betäubung, weil ich all die feministische Literatur gelesen hatte und da stand, dass das wichtig sei, um Abschied zu nehmen, aber auch, um zu sehen, dass das kein fertiges Baby ist, sondern ein Zellhaufen. Der Arzt sagte Ja und gab mir trotzdem eine Vollnarkose.

Niemand in meinem Umfeld wusste, wie sie mit meiner Abtreibung umgehen sollten. Meine Mutter nicht, die meinen damaligen Freund rausgeschmissen hat, obwohl ich ihn gerne danach bei mir gehabt hätte. Er war selber auch überfordert. Und meine beste Freundin hat komplett dichtgemacht und irgendwas von „ihr hättet ja richtig verhüten können“ gesagt. Nicht, weil sie mich aburteilen wollte, sondern weil sie so überfordert war.

Bei meiner zweiten Abtreibung war ich schon Mutter. Mein Sohn war ein Jahr alt und der Gedanke, sofort ein weiteres Baby zu bekommen, hat mir total Angst gemacht. Mein Partner und ich haben uns gemeinsam für die Abtreibung entschieden, es dann aber doch unterschätzt. Wir dachten, wir machen das, und am nächsten Tag gehen wir wieder arbeiten und alles. Dabei hätten wir uns Zeit nehmen müssen, auch füreinander. Ich wünschte, irgendjemand hätte mir das gesagt.

Beim dritten Mal, das war ein paar Jahre später, haben wir uns dann sehr bewusst damit auseinandergesetzt. Wir haben uns frei genommen. Zum einen, um uns von dieser Parallelrealität – einem Leben mit einem weiteren Kind – zu verabschieden. Aber auch zu überlegen, was wir denn Positives machen wollten. Das war ja nicht nur eine Entscheidung gegen ein Kind, sondern auch für unser Leben, so wie es war.

Mithu Sanyal, 48, Autorin und journalistin

„Abtreibungen passieren immer noch im stillen Kämmerlein“

Ich habe über meine Abtreibungen lange nicht gesprochen, und ich kannte auch keine Geschichten von meinen Freundinnen. Weil es ein so totgeschwiegenes Thema ist, kommt das Gespräch nie darauf, und dann ist es schwer, davon anzufangen. Auf einer theoretischen Ebene reden wir, ja, und wir fordern das Recht auf eine selbstbestimmte Entscheidung – aber auf einer emotionalen ist das Tabu dann doch da. Dabei könnten wir so viel voneinander und von den Fehlern und Erfahrungen der anderen lernen.

Ich habe deswegen irgendwann ganz bewusst angefangen, über meine Abtreibungen zu sprechen – mit Freundinnen, aber auch auf Podien und in Texten. Und plötzlich kamen all die Geschichten.

So viele Frauen hatten irgendwann in ihrem Leben eine Abtreibung oder werden noch eine haben. Es gibt so viele Dinge, die ich gerne vorher gewusst hätte. Bei zwei meiner Abtreibungen hatte ich hinterher Milcheinschuss. Das kann einem doch mal jemand vorher sagen! Oder dass du reingehst, und wenn du rauskommst, fühlst du dich richtig leer – weil die Hormone plötzlich absacken. Welche Ärztin war gut, welche schlecht? Was hilft bei der Vorbereitung und beim Verarbeiten? All das müssen wir uns komplett selbst erarbeiten. Abtreibungen passieren immer noch im stillen Kämmerlein.

schwarz-weißes Foto eines OPs

Ambulante Abtreibungsklinik in Stuttgart im Jahr 1991 Foto: Jochen Strobel/Zeitenspiegel

Nicht mal die Ärzt*innen dürfen frei darüber sprechen, wegen des Paragrafen 219a. Wenn es schon ein Rechtsbruch ist, auf seiner Homepage ausführlich darüber zu informieren, was bei einem in der Praxis passiert – wie soll dann eine Jugendliche darüber reden? Der Weg zu einer selbstbestimmten Entscheidung ist dadurch so schwer.

Aber meine Erfahrung ist: Wenn eine anfängt, wenn der Raum dafür aufgemacht ist, dann reden alle. Und deshalb ist das Reden über Abtreibung für mich ein politischer Akt.“

Portrait einer Frau

Foto: Regentaucher

Mithu Sanyal, 48, ist Autorin, Journalistin und Kulturwissenschaftlerin

Allein und überfordert

„Mich haben die Kämpfe um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch Anfang der 70er Jahre politisiert. Der Stern-Titel erschien 1972, da war ich gerade zwölf. Die Auseinandersetzungen darum, dass das Private politisch ist und mein Körper politisch verhandelt wird, haben mich früh geprägt.

Meinen ersten Abbruch hatte ich mit 19. Ich war gerade fertig mit meiner Ausbildung und hatte eine eher lockere Beziehung. Wir haben mit Kondom verhütet und gar nicht gemerkt, dass etwas schief gegangen ist. Als der Test positiv war, dachte ich: Scheiße. Das Gefühl war echt mies.

Trotzdem war die Lage eindeutig. Damals ein Kind zu bekommen wäre völliger Quatsch für mich gewesen. Ich hätte es allein großziehen ­müssen, das war mir klar. Dazu war ich weder ­willens noch in der Lage. Ich bin also zu einer Beratung bei der Pro Familia, die ich als durchaus offen empfand, und dann zur Ausschabung unter ­Vollnarkose ins Krankenhaus. Dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, wurde mir gar nicht gesagt.

Außerordentlich befremdlich fand ich, dass ich im Krankenhaus auf der Wöchnerinnen­station lag. Um mich herum glückliche Mütter, und ich mittendrin. Mich hat das nicht fertig gemacht, weil ich in meiner Entscheidung gefestigt war. Aber ich war empört, dass sie Frauen so einer Situation aussetzen. Das kann ja unglaublich belastend sein.

Meinem damaligen Freund habe ich das alles erst nachträglich erzählt. Ich glaube, er war sehr erleichtert.

Bei der nächsten ungeplanten Schwangerschaft habe ich mich entschieden, das Kind zu bekommen. Es ist ein sehr wohlgeratener junger Mann geworden. Auch damals hatten mein Partner und ich meist mit Kondom verhütet, und es ging schief. Die Pille habe ich nicht vertragen, und die Spirale war schon einmal festgewachsen. Das wollte ich mir nicht nochmal antun.

Wir haben dann beschlossen: Wir können und wollen das, wir ziehen das jetzt durch. Einfach war das nicht. Vom Moment der Entscheidung an bist du gebunden und wirst es immer sein. Das Kind, das du bekommst, wird dir dein Leben lang viel Freude bereiten, aber es wird dich auch leiden lassen. Ich bin diese produktive Gefangenschaft gern eingegangen. Aber dass andere darüber entscheiden könnten, ob ich diese Bindung eingehe oder nicht, dass ich dazu gezwungen werden könnte, ist für mich unvorstellbar. Ich kann nicht verstehen, dass sich dagegen nicht alle Frauen auflehnen.

Zehn Jahre später bin ich mit 40 nochmal schwanger geworden. 2000 waren wir gerade aufs Land gezogen und hatten uns selbstständig gemacht. Dass das mit einem Kind nicht funk­tio­nieren würde, war klar.

Cornelia Möhring, 60, Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag

„Sie haben durchblicken lassen, dass das kein Eingriff ist, der okay ist, und mich überhaupt nicht über die Abläufe informiert. Ich habe mich sehr allein gelassen gefühlt.“

Ich bin also zur örtlichen Gynäkologin, die versucht hat, zu diskutieren. Ob ich wirklich sicher sei? Ein zweites würde doch so gut passen. Und dann: Stellen Sie sich mal vor – immer wenn Sie ein Kind im entsprechenden Alter sehen, werden Sie daran denken müssen.

Das hat mich tierisch geärgert. Was pflanzt die mir da für ein schlechtes Gewissen ein? Und führt das jetzt zwangsläufig dazu, dass ich wirklich immer daran denken muss?

Sie hat mir den Schein dann gegeben, ich bin ins Krankenhaus. Die waren ungeheuer unfreundlich. Sie haben durchblicken lassen, dass das kein Eingriff ist, der okay ist, und mich überhaupt nicht über die Abläufe informiert. Ich habe mich sehr allein gelassen gefühlt.

Ich hab dann dort eine Tablette genommen, die zweite zu Hause, und hatte eine sehr starke Blutung. Es hätte mir gut getan, wenn ich wenigstens eine Telefonnummer bekommen hätte, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist.

Und trotzdem war das Gefühl: Puh, geschafft. Das Leben kann weitergehen. Mein Mann hat sich danach für eine Sterilisation entschieden. Dafür bin ich ihm ewig dankbar.

Es war dann übrigens wirklich so, dass ich ab und zu dachte, jetzt wäre das Kind drei, jetzt fünf. Da war die Erleichterung dann doppelt so groß.

Ich habe die Abbrüche nie bereut. Mein Leben wäre anders verlaufen mit weiteren Kindern. Ich hätte nicht die Zeit gehabt, mich politisch einzumischen. Ich wäre nicht im Bundestag, wo ich zum Thema Schwangerschaftsabbruch arbeite.

Es braucht freiwillige Beratungen. Die Wartezeit von drei Tagen ist eine Katastrophe, gerade in pandemischen Zeiten wie jetzt. Viele Krankenhäuser haben während Corona als Erstes aufgehört, Abbrüche zu machen. Das finde ich ungeheuerlich. Wir müssen die Versorgung von Frauen sicherstellen.

Der Kompromiss des Paragrafen 218, der vor allem von Männern gemacht wurde, hat auch weiblichen Widerstand gestoppt. Viele Frauen wissen nicht einmal, wie sehr sie der 218 in ihren Rechten einschränkt – bis sie selbst in eine Notlage kommen. Wir müssen dieses Schweigen brechen.

Jede vierte Frau in Deutschland hat mindestens einmal in ihrem Leben einen Abbruch. Abbrüche sind Normalität. So müssen wir sie auch behandeln.“

Portrait einer Frau

Foto: Die Linke

Cornelia Möhring, 60, ist frauenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag

Entsetzt und verblüfft

„Ich habe nie über die Abtreibungen gesprochen, die ich hatte. Ich habe das immer für mich behalten. Nicht, dass da niemand gewesen wäre, der oder dem ich es hätte erzählen können. Aber ich wollte das nicht. Bei manchen nicht, weil es mich einfach nicht belastet hat. Und bei anderen nicht, weil es mich belastet hat.

Ich hatte fünf Abtreibungen. Jedes Mal bin ich schwanger geworden, obwohl ich verhütet habe. Und die ersten beiden Male außerdem im Abstand von sechs Wochen.

Da war ich in meinen späten Zwanzigern. Jung, ein bisschen verstrahlt, lustig und total nach vorn. Mit keinem der beiden Männer hatte ich eine Beziehung. Der Sex mit dem einen war freiwillig, der mit dem anderen nicht. Damals habe ich das nicht als Vergewaltigung benannt. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, es war eine. Mein Widerstand war sehr deutlich.

Ab Sekunde eins nach dem ersten positiven Test war klar: no way. Da war ein großes Entsetzen darüber, schwanger zu sein, und die Verblüffung, wie das sein kann trotz Spirale. Und da war eine ganz große Klarheit: Das war ein Zustand, den ich beenden wollte.

Ich bin jeweils direkt zu meinem Frauenarzt gegangen, ohne den Männern davon zu erzählen. Beim zweiten Mal war es mir sehr unangenehm, wieder in der Praxis aufzulaufen. Ich dachte, da kommt so was wie: „Hat dir mal jemand erklärt, wie Verhütung geht?“ Aber der Arzt war toll. Er hörte mir zu und sagte: „Haben Sie ein Pech.“

Beide Abbrüche wurden unter Vollnarkose gemacht. Das hatte etwas Plausibles: Ich habe beide Schwangerschaften als enorm unwirklich empfunden. Die Abbrüche waren es auch: Du wachst auf, hast eine Binde zwischen den Beinen, bist ein bisschen benommen und nicht mehr schwanger. Das hat was von Fiktion.

Heike-Melba Fendel, Autorin und Unternehmerin

„Ich habe mich dagegen entschieden – nicht, weil das Nein klar war, sondern weil das Ja abwesend blieb“

Mit 27 habe ich meine Tochter bekommen. Auch diese Schwangerschaft war ungeplant. Aber obwohl die Beziehung, in der ich damals steckte, extrem schwierig und nicht auf die Ewigkeit angelegt war, hatte ich sofort die Gewissheit: Dieses Kind werde ich lieben. Dieses werde ich bekommen.

Dann, in meinen 30ern, wurde es schwieriger. 1994 war ich in einer Beziehung und, einmal mehr, trotz Spirale schwanger. Ich hab das als total absurd empfunden. Jetzt könnte man sagen, okay, offensichtlich ist die Spirale das falsche Verhütungsmittel für dich. Auch wenn es wie ein Klischee klingt: Ich erkläre mir ihr Versagen heute vor allem dadurch, extrem fruchtbar gewesen zu sein.

„Da hab ich dann geweint.“

Diesmal hatte ich die Klarheit der vorangegangenen Male nicht. Ich war schon ein paar Jahre Mutter und Unternehmerin, ich hatte einen anderen Ernst. Ich führte eine Art Dialog mit mir und meinem Körper über die Frage nach einem Ja, das ich in mir trage oder eben nicht. Und das wusste ich einfach nicht.

Mein damaliger Partner, den ich dieses Mal zumindest darüber informierte, war keine Hilfe und schlicht überfordert. Ich bin dann wieder zu meinem Frauenarzt. Der hat reagiert, wie ich es mir von meinem Partner gewünscht hätte: „Wie auch immer Sie sich entscheiden, ich helfe Ihnen“, sagte er. Da hab ich dann geweint. Endlich Beistand, das war unglaublich wertvoll.

Ich habe mich schließlich gegen die Schwangerschaft entschieden – nicht, weil das Nein klar war, sondern weil das Ja abwesend blieb. Der Eingriff fand bei einem anderen Arzt statt, der nicht mit Vollnarkose arbeitete. Die Betäubung hat nicht richtig gewirkt. Der Abbruch fühlte sich an, als ob Handwerker in mir hantieren, und war ziemlich schmerzhaft. Neben dem gynäkologischen Stuhl stand ein gelbbrauner Plastikeimer. Was aus mir rausgeholt wurde, klatschte da rein. Dieses Geräusch habe ich nie vergessen.

Sechs, acht Stunden später bin ich im Abendkleid zur Verleihung des Fernsehpreises gegangen, einer glamourösen Veranstaltung. Ich habe nie einen größeren Graben gefühlt zwischen meiner beruflichen Welt und meinem seelisch-körperlichen Zustand. Dieses archaische Zurückgeworfensein auf mich selbst, diese große Einsamkeit habe ich als sehr weiblichen Schmerz empfunden.

Die letzten beiden Male waren eher wie die ersten. Nicht schon wieder, dachte ich. Aber, bei aller Fassungslosigkeit: große Klarheit. Vollnarkose. Das Gefühl von Verlust, aber unumgänglich.

Ich habe keinen der Abbrüche bereut. Ich bedaure die Erfahrungen, das sehr. Aber ich war und bin erleichtert bis dankbar, dass ich so handeln konnte. Und wie mein Arzt vor meinem dritten Abbruch reagierte, sollte, finde ich, in Politik übersetzt werden. Wie auch immer sich Frauen in solchen Situationen entscheiden: Unterstützt uns.“

Portrait einer Frau

Foto: Dagmar Morath

Heike-Melba Fendel, 58, ist Autorin und Geschäftsführerin der Agentur für Veranstaltungen und KünstlerInnen Barbarella Entertainment

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