Was ist eine Kolumne?: Hier ruft jemand vom Rand

Warum kann die Textform „Kolumne“ niemand so richtig definieren, während so viele sie schreiben wollen? Ein Sonderfall, kurz erklärt.

Hände auf der Tastatur eines Laptops

Wie persönlich soll es werden Foto: Canvan/imago

Eine Kolumne aus der taz hat diese Woche Schlagzeilen gemacht und eine interne Debatte ausgelöst. Aber was ist das eigentlich, dieses Format Kolumne? Die Definitionen in verschiedenen journalistischen Leitfäden kann man in etwa auf einen gemeinsamen Nenner bringen: „Die Kolumne ist ein Meinungstext an einem festen wiederkehrenden Platz.“ Das sagt erst mal nicht viel. Es werden dann oft noch andere Textformen genannt, die der Kolumne ähnlich, aber doch nicht dasselbe sind: Kommentar, Glosse, Kritik, Essay. Aber das grenzt höchstens ab, es definiert nicht. Die Kolumne ist im durchformatierten Journalismus womöglich die Text­sorte, die sich am wenigsten definieren lässt.

Ein bisschen Sehnsucht schwingt da auch mit. Man denke an die Figur der Carrie Brad­shaw aus „Sex and the City“: Diese Figur der Kolumnistin ist mondän inszeniert, sie schreibt oft bei Nacht, auf dem Bett, mit Blick auf die Skyline und einem Glas Rotwein. Aber das ist ein Traum von Bohème und Lebensart, keine Definition des Formats.

Was sagen die Schreibenden selber? „Die Kolumne macht das Große klein, sie entdeckt im Gegenteil vielleicht im Kleinen die Größe“, sinniert Kolumnist Axel Hacke in seinem Buch „Das kolumnistische Manifest“. Hacke schreibt für das Süddeutsche Magazin, früher auch mal die Seite-1-Spalte der Süddeutschen Zeitung, das „Streiflicht“. Wobei das „Streiflicht“ auch hie und da als „Glosse“ bezeichnet worden ist.

Von Harald Martenstein, Kolumnist beim Zeit Magazin, findet sich eine Aussage aus einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk vor einigen Jahren. Der Kolumnistenjob bestehe seiner Meinung nach darin, „eine bestimmte Tonlage zu entwickeln, einen Sound wie in der Musik sozusagen, der einem als Autor nahe genug ist, um ihn wöchentlich oder monatlich reproduzieren zu können. Man schafft mit einer Kolumne also eine Rolle, ein Alter Ego, das man immer wieder problemlos annehmen kann.“ Allerdings kommt Martenstein im Laufe des Gesprächs doch ins Zweifeln, was die Idee vom Alter Ego angeht. „Ich habe jahrelang immer behauptet, dass das eine Kunstfigur ist. Dann ist mir aber aus meinem persönlichen Umfeld gesagt worden, dass ich mich irre, das sei schon ich. Offensichtlich habe ich mich in diesem Punkt also getäuscht.“

Vergleich zum dramatischen Erzählen

Spiegel-Kolumnistin Sibylle Berg ist sich da sicherer: „Die Texte haben mit mir als Person nichts zu tun. Ich bin vollkommen uninteressant“, sagte Berg 2013 dem Schweizer Branchenmagazin Persönlich. Wobei, vielleicht schaffte Berg in diesem Interview ja auch eine Kunstfigur.

Kolumnistin Mely Kiyak (heute Zeit Online) wiederum hat Kolumnieren mal in einem Text für das Berliner Gorki-Theater in die Nähe des dramatischen Schreibens gerückt. „Nicht jedes Thema eignet sich für eine abendfüllende Veranstaltung, da tut es einfach mal eine Kolumne. Kiyak führt an, dass man branchenintern einen Text auch „Stück“ nennt, genau wie den dramatischen Text. „Zwei nahe Verwandte, das Stück und das Stück.“

Zu definieren, was die Kolumne formal ist, gestaltet sich also schwierig, zumindest wenn man über Inhalt oder Stil herangeht. Die Kolumnist*innen selbst sprechen eher darüber, was sie tun, was sie erreichen wollen. Denkweisen umkehren, einen „Sound“ entwickeln, eine Kunstfigur schaffen. Es gibt natürlich neben den schöngeistigen Kolumnen, deren Vertreter*innen Kiyak, Berg, Martenstein und Hacke sind, auch die eher serviceorientierten Ratgeberkolumnen, da ist von Kunst nicht mehr groß die Rede. Oder die politischen Kolumnen, die schon wieder Kommentare sind.

Eher als über den Inhalt oder formale Regeln kann man die Kolumne über die „Wiederkehr“ definieren. Sie hat in der Regel einen festen Platz und eine feste Ausgabe, ohne Wenn und Aber. Im traditionellen Drucksatz bildete sie oft eine „Spalte“ am Rand, was ihr auch ihren Namen verleiht: „Kolumne“ von lateinisch columna, „Säule“, was wiederum in verschiedenen Sprachen, etwa Englisch und Französisch, die sätzerische Bedeutung „Spalte“ annahm. Schon auf dem Blatt war somit klar erkennbar: Hier ruft uns jemand vom „Rand“ etwas zu.

Diese Subjektivität versuchen Redaktionen durch das Abwechseln verschiedener Autor*innen „auszugleichen“. So erscheinen oft am selben Platz Kolumnen unterschiedlicher parteipolitischer Ausrichtung im Wechsel – etwa im Spiegel. Oder verschiedene Lebenswelten werden abwechselnd abgebildet.

Die wiederkehrende Form bedeutet aber noch etwas: Im Gegensatz zu allen anderen journalistischen Texten muss die Kolumne nicht täglich „erkämpft“ werden. Alle anderen Textformen stehen in Konkurrenz zueinander um die Plätze in der Ausgabe und um die Gunst der Redakteur*in. Die Ko­lum­ne kommt – ist sie einmal beauftragt – immer zum gewohnten Zeitpunkt. Das bedeutet einerseits Druck für die Ko­lum­nis­t*in – ihr muss etwas einfallen. Die ehemalige Kolumnistin der taz-Medienseite, Silke Burmester, schreibt darüber in einem Handbuch des Verbands Freischreiber: „Diese Anforderung einzulösen, muss man sich zutrauen. Tut man das, kann man loslegen. Ob es funktioniert, wird sich zeigen.“

Andererseits bedeutet es aber auch Sicherheit für die Autor*in, dass sie diesen regelmäßigen Platz bekommt. Anders als bei Berichten, Reportagen, Rezensionen und Kommentaren, die alle einzeln gepitcht werden müssen.

Und aus dieser Mischung aus Sicherheit und Kreativitätsdruck entsteht dann auch das Sehnsuchtsbild der Kolumnist*in, wie es Carrie Bradshaw darstellt.

Digitale Entgrenzung

Heute entscheiden sich Verlage häufig immer noch, ihre Kolumnen als „Spalten“ im Printsatz darzustellen, oft mit Bild, um Subjektivität zu unterstreichen. Aber das Layout ist an seine Grenzen gekommen, Texte erscheinen digital, auf Webseiten, wo es keine Spalten mehr gibt, und in den sozialen Netzwerken, wo inzwischen alles so personalisiert ist, dass die besondere Subjektivität nicht mehr durchscheint. Ebenso ist nicht mehr gesichert, dass sich der Eindruck von Ausgewogenheit überträgt, den Redaktionen durch den Wechsel verschiedener Kolumnen herzustellen versuchen. Einzelne Kolumnen werden geteilt und geklickt, andere vielleicht nicht.

Gleichzeitig sind einige Alleinstellungsmerkmale der Kolumne verloren gegangen: Das Ich galt lange Zeit in journalistischen Texten im deutschsprachigen Raum als unschick, fast schmutzig – außer in der Kolumne, die war offen ichig.

Aber das Ich darf nun auch immer öfter in Reportagen auftauchen, in Essays, Kommentaren und Glossen. Und in der jüngsten journalistischen Textform, dem Tweet, sowieso. Und als kleine literarische Form ist sie auch längst nicht mehr allein – da gibt es das persönliche Blog, das als Spielwiese für kreativ Schreibende dann doch noch mal mehr Freiheiten bietet – und vor einer zu schnell wachsenden Reichweite schützen kann.

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